NSA-Affäre verunsichert märkische Firmen

Märkische Allgemeine Zeitung
04. September 2013

Dr. Ortwin Wohlrab über die Auswirkungen der NSA-Affäre in einem Artikel in der Märkischen Allgemeinen Zeitung.

Der NSA-Skandal verunsichert zunehmend brandenburgische Firmen – und sorgt für einen Boom bei Software-Unternehmen, die Sicherheitstechnologien anbieten. „Die Nachfrage ist seit der Abhöraffäre eindeutig gestiegen“, sagt Ortwin Wohlrab, Prokurist bei der Netfox AG. Die Kleinmachnower Firma (Potsdam-Mittelmark) hat sich auf Programme spezialisiert, die Dateien und elektronische Kommunikation vor unberechtigtem Zugriff schützen.

Auch andere Informationstechnologie-Betriebe der Region registrieren seit den Enthüllungen des Ex-Geheimdienstlers Edward Snowden viele Anfragen von Unternehmen, die Angst vor Lauschangriffen haben. „Das Thema hat absolut an Aufmerksamkeit gewonnen“, sagt der Gründer der Beratungsagentur „Informationssicherheit für den Mittelstand Berlin-Brandenburg“ (ISMBB) in Luckau (Dahme-Spreewald), Carsten Hennig. Vielen hätten um ihre Sicherheitslücken lange gewusst, der NSA-Skandal sei nun der Auslöser, die Probleme anzugehen.

„Einige haben da echten Nachholbedarf“, weiß der Geschäftsführer des von den brandenburgischen Industrie- und Handelskammern gegründeten Arbeitskreises für Unternehmenssicherheit (Akus), Knuth Thiel. Besonders kleine und mittelständische Unternehmen, die in der Mark das Gros ausmachen, müssen wegen knapper Ressourcen überlegen, in was sie investieren. Das Thema Datensicherheit falle da nicht selten hinten runter. Zugleich wird relativ unbedacht zu Computer-Lösungen gegriffen, die Einsparungen versprechen. „Das beste Beispiel ist die Cloud“, weiß ISMBB-Chef Hennig. Die „ digitale Wolke“ bietet Speicher-Kapazität, ohne in eigene Firmen-Datenbanken investieren zu müssen. Dass die Informationen dort nicht den besten Schutz haben, bedenken die wenigsten. Mangelnde Vorsicht ist auch beim Austausch mit anderen Partnern an der Tagesordnung. Nur wenige Betriebe nutzen für oft gebrauchte Verbindungen sogenannte Tunnel-Lösungen. „Die funktionieren wie ein Rohrpostsystem“, sagt Netfox-Spezialist Wohlrab. Eine Spezial-Software schützt den Kanal vor Zugriff von außen. Auch eine Verschlüsselung von Emails sei nicht ganz so einfach zu knacken, weiß Wohlrab.

Dabei scheint der Lauschangriff nicht nur eine Spezialität der NSA zu sein. „Andere Staaten betreiben genauso Spionage dieser Art, wenn auch nicht mit solchen technischen Möglichkeiten“, sagt der Leiter des Studienbereichs Wirtschaftsinformatik und Security Management an der Fachhochschule Brandenburg/Havel, Sachar Paulus. Auch China sei da seit Jahren aktiv. „Daher sollte man sich überlegen, welche Daten eventuell so brisant sind, dass dafür am besten gar keine Informationstechnologie verwendet wird“, so Paulus.

„Auch brandenburgische Unternehmen sollten die Gefahr der Wirtschaftsspionage ernst nehmen“, rät Innenminister Ralf Holzschuher (SPD). Die Region sei geprägt durch Unternehmen der Spitzentechnologie. Daher sei die Aufklärungsarbeit in Sachen Wirtschaftsspionage durch den Verfassungsschutz in den vergangenen Jahren intensiviert worden, so Holzschuher. Schon heute wird der Datenverkehr der Landesverwaltung mit Verschlüsselungen und Tunnellösungen geschützt.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) schätzt den Schaden durch Wirtschaftsspionage auf jährlich 50 Milliarden Euro. Mit Spitzenverbänden der Wirtschaft erarbeitet die Bundesregierung bis 2015 ein Schutzkonzept gegen unbefugte Zugriffe auf Firmendaten.

Von Gerald Dietz